Kritiken und Presseberichte: "Vom Überzieher zum Schwiegermuttermörder"
Kritik zum Programm 

"Vom Überzieher zum Schwiegermuttermörder - 
Die Väter des  Kabaretts in Jacques's Bistro" 

Mannheimer Morgen, Feuilleton, 2.6.2005          

Zugaben bis zum Abwinken 
KABARETT: Detlev Schönauer parodiert fast alles    
      
Im  Winter  nennt  man's  gemütlich,   wenn  die  Gäste  in   "Gehrings  Kommode"  eng  beieinander  auf  dicken
Plüschkissen sitzen. An diesem brütend heißen Mai-Abend nannte Detlev Schönauer das mit kabarettistischem
Sarkasmus "warm, aber intim".  Das Stammpublikum nimmt  alles  in  Kauf,  um den  Wahl-Saarländer  in  seiner
inzwischen TV-bekannten Lieblingsrolle als Bistro-Wirt  Jacques  mit  unnachahmlich  französischem  Zungen-
schlag zu sehen. Der Titel seines neuen Programms "Vom Überzieher zum Schwiegermuttermörder"  gibt dem
Szene-Kenner   keine   Rätsel   auf:   Der   begnadete   Parodist   Detlev   wird   abendfüllend   in  die  Rollen  teils
verblichener Kollegen (hier Otto Reuter und Jürgen von Manger) schlüpfen. 

In der echt saarländischen  Rahmenhandlung,  der  akribisch  beobachteten  Vorstandssitzung  eines  Gesang-
vereins,  wird  ein  Fest  zum  80. Geburtstag  vom  "Zimmer Ernscht"  geplant,  der  sich  für  alte  Kabarett-Stars
interessiert.   Schon  darf   der   Detlev   sie  alle  nachmachen,   weil  der  Ernscht,  halb  blind  und  "daab",  den
Unterschied kaum merken wird.  Nach dem Tucholsky-Motto  "Satire  darf  alles"  unterstellen wir mal,  dass der
Ernscht auch nicht merkt, dass die meisten schon lange tot sind. 

Schönauer   hat  sie  alle,  alle  prächtig  drauf:  die  Vereinsmeier  mit  den  schiefen  Metaphern  und  die  ganze
Blütenlese deutschsprachiger Kleinkunst des letzten Jahrhunderts.  Ehrensache,  dass  der  gelernte  Physiker
mit kirchenmusikalischem Background  auch  die  Klavier-Heroen  Georg Kreisler und Konstantin Wecker nicht
scheut. Der Polt  darf  in  seinen  "Nikolausi"  den   Ratzinger  einbauen,  Tucholskys" leicht  besoffener,  älterer
Herr" politisiert erstaunlich aktuell,  Ringelnatz sächselt und Emil schwyzerdütscht,  und  Tegtmeiers Ruhrpott-
Slang ist  genauso  authentisch  wie  Richlings  hyperaktive  Körpersprache.  Detlev Schönauer  schwitzt  nicht
nur  gemeinsam  mit  seinem Publikum;   er  hält  sie  zu  kunstvollem  Quodlibet-Gesang an (und findet die linke
Kommoden-Hemisphäre   besser  als  die  rechte,   was  zu  tumultartigem  Widerspruch  führt),  und  er  reagiert
schlagfertig auf jeden Zwischenruf. Kurz: Er hat sein Publikum mühelos im Griff. 

Was haben wir nebenbei  gelernt?   Dass  ein  Zapfhahn  auf  jedem  Altar  dem  saarländischen  Kirchenbesuch
förderlich wäre und dass  es auf Hochzeiten immer Erbsen, Karotten und Bohnen gibt  -  bei  Blumenkohl  kann
man die Hochzeit anfechten! Danach Zugaben bis zum Abwinken. WB 

© Mannheimer Morgen - 02.06.2005
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